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Unterwegs in Südindien
Leseprobe
Karnataka
Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft
Karnataka ist
ein Land verlorener und wieder gewonnener Kultur. Hier lebten unter anderem die
großen Dynastien der Kdambas, die Chalukyas und die Hoysala. Orte wie Belur,
Halebid, Sravana Belagola und Srirangapatna bewahren die Vergangenheit,
Bangalore, Hauptstadt des Staates und eine für indische Verhältnisse sehr
moderne und europäisch wirkende Stadt in der die High-Tech-Industrien
angesiedelt ist, zeigt die Zukunft, die Gegenwart ist allgegenwärtig. Bauboom
und armselige Hütten, rechtlose Adivasi und Großgrundbesitzer, elegante Hotels
und Slums am Rande der Städte.
Am Grenzübergang
gibt es diesmal keine Probleme. Eigentlich ist das Tragen eines Sturzhelms
Pflicht, aber wer achtet bei diesem Klima schon auf solche Kleinigkeiten. Die
Zollbeamten an der Grenze Karnatakas sind heute großzügig und gut gelaunt. Was
für ein Glück, sonst hätten wir wieder bezahlen müssen.
Wir sind auf dem
Weg nach Gokarna, ein bekanntes Pilgerzentrum. Auf Internetseiten und in
diversen Reiseführern als besonders sehenswert gepriesen, machen wir uns
schleunigst auf den Weg, um zum Ziel der Erleuchtung zu gelangen. Ich bin mir
noch nicht sicher, wie die Erleuchtung aussehen wird, aber der Beschreibung
nach muss es etwas Außergewöhnliches sein. Der Küstenhighway mit den gleichen
Löchern wie in Goa zieht sich durch malerische Palmen und Bambushaine, auch wie
in Goa, nur der Verkehrsstrom schwächt ab und der Kraftstoff ist etwas
billiger. Und die Straßenschilder sind in der Landesschrift Kannada und in
Englisch zu lesen. Vielleicht hätte sich dochmal einer von Peters Gästen etwas
weiter über den Rand von Goa hinaus wagen sollen.
Total hungrig halten wir an einem einsamen
Straßenlokal. Hotel und Restaurant ist auf der verblichenen Tafelüber dem Eingang der Wellblechhütte zu lesen.
Zerrupfte Hühner picken nach Essbarem, ein struppiger Hund jagt eine gackernde
Henne vor sich her. Auf dem freien Platz vor dem Gebäude stehen einige bunt
bemalte Lastwagen und klapperige Moppeds. Unter dem Vordach aus Palmenwedeln,
lassen sich die dazu gehörigen Fahrer die Köstlichkeiten der heimischen Küche
munden.
Einen
Kulturschock erleben die meisten Europäer, wenn sie das erste Mal ein
Restaurant betreten oder bei einer indischen Familie zum Essen eingeladen sind
und sehen, dass in Indien traditionell mit der Hand gegessen wird. Es gibt in
Indien ein Sprichwort, das lautet: „Die Seele der Speise kann sich mit Löffel
und Gabel nicht entfalten.“ Wir haben
die Technik ja schon in Goa versucht, es ist gar nicht so leicht, die Speisen
in den Mund zu bekommen, ohne sich reichlich zu bekleckern. Für die Inder ist
es einfach, sie essen von Kind an auf diese Art. Man bildet mit den Fingern der
rechten Hand eine Rinne, in der man die Mahlzeit mit dem Daumen in den Mund
schiebt. Wie schon erwähnt, in Indien benutzt man kein Toilettenpapier, den
gleichen Zweck erfüllen ein Gefäß mit Wasser und die linke Hand. Vor und nach
dem Essen säubert man die Hände in einem Waschbecken im gleichen Raum. In manchen
gehobenen Restaurants bekommt man nach dem Essen extra dafür ein Schälchen mit
warmen Wasser und einer Scheibe Zitrone darin. Es wird aber auch in jedem
Restaurant selbstverständlich Besteck zur Verfügung gestellt.
Die Kerle mustern mich unverhohlen, mein
Anblick scheint sie zu belustigen. Eine Frau auf dem Motorrad, mit Bermudas und
Turbanähnlichem Gebilde auf dem Kopf scheint einen Heiterkeitsausbruch wert. Heiterkeitsausbrüche
hierzulande erschöpfen sich in Kichern, das höchstens mal von einem hellen
Gluckser gekrönt ist. Ich bemühe mich eifrig, Desinteresse zu zeigen.
Das Interesse, die Neugier an anderen
Personen zeigen die Inder mit ausdrucksstarker Mimik, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ihr Gegenüber
könnte verletzt sein. Namaste, wir setzen uns an einen freien Tisch. Inder sind
nicht nur neugierig. In jedem Inder steckt ein Zuschauer, der gerne beobachtet,
zuschaut und vielleicht mal seinen Kommentar abgibt.
Jetzt begutachtet man uns stumm, mit großen
Augen und scheint auf irgendetwas Spektakuläres unsererseits zu warten. Hello, sagt einer, grinst unbeholfen,
ich erwidere auch hello, und warte auf den Beginn eines FrageundAntwortspiels,
aber damit scheint der Wortschatz erschöpft. Man mustert uns wieder. Vom
anderen Tisch quäkt eine Stimme: Where
you come from?Germany. Oh, Germany.
Die Konversation scheint in Gang zu kommen, geduldig warte ich auf die nächste
Frage. What is the name from your father?
Warum will er um Himmelswillen den Name
meines Vaters wissen, oder sollte dies etwas mit der Reinkarnation zu tun
haben. Ich antworte höflich, wie es sich in einem fremden Land geziemt: Ernst, but my father ist dead. Oh, really,
which for a misfortune, beteuert unser Gegenüber mit Hingabe, als ob er ihn
gut gekannt hätte. Sollte mein Vater in
einem früheren Leben Inder gewesen sein? Das Trio steckt die Köpfe zusammen und
scheint zu beratschlagen. Nun wagt sich einer der Männer zu uns an den Tisch. Pratap
stellt sich der Mutige vor. Er möchte den Grund unseres Hier seins wissen, wir
sehen nicht wie andere Touristen aus, und wie uns Indien gefällt.
Ich werfe einen Blick in die zum Lokal hin
offene Küche. Alles sehr pragmatisch. Im vorderen Teil des Raumes wird auf
großen schwarzen Eisenplatten Dosa zubereitet, eine klassische Beilage der
südindischen Küche.
Bei Dosa handelt es sich um
eine Art dünnen, knusprigen Fladen, der aus Linsenmehl und Reismehl auf einer
gusseisernen Platte zubereitet wird. Die Mannschaft im hinteren Teil hantiert
mit langen Kochlöffeln in großen Aluminiumtöpfen herum. Und es gibt eine
zweisprachige Speisekarte! Wir entscheiden uns für Thali mit allem was die
Küche zu bieten hat. Thali ist eine komplette Mahlzeit, neben dem
Hauptbestandteil Reis gehören Dal, ein Linsengericht, Dosa oder Nan, Gemüsecurry,
z.B. Sambar und Raita, eine Tzatziki ähnliche Yoghurtsoße dazu. Unser Essen
wird gebracht, somit verstummt die wenig anregende Unterhaltung. Zu einem Berg Reis auf einem runden
Metalltablett gesellt sich ein Schälchen Sambar aus Tomaten, Linsen und
Gewürzen (Masala). Es ist eine dünne Soße mit geringem Gemüseanteil. Dosa und
Raita runden das Mahl ab. Des Weiteren bringt unser Kellner einen Teller mit
kleinen frittierten Fischen und einen Metallkrug mit Wasser. Das Wasser kommt
aus einem großen Behälter, für uns Europäer nicht geeignet, außer man leidet an
Verstopfung. Wir bleiben lieber beim Chai, die Inder holen sich den kostenlosen
Durstlöscher aus dem Hahn.
Das
Küchenpersonal lugt hinter der Bretterwand hervor und die im Lokal anwesenden
Männer, es sind nur Männer da, beobachten uns gespannt. Beim ersten Bissen
rollt es mir die Zehennägel auf und das Wasser schießt mir in die Augen. Wow,
nun bekomme ich die originale Schärfe Südindiens zu spüren. Zu allem Übel
verschlucke ich mich und bekomme einen keuchenden Hustenanfall. Wolfgang klopft
meinen Rücken, die in Indien unbekannte Aktion löst schon wieder Heiterkeit
aus. Geschmeckt hat es lecker, an die schweißtreibende Schärfe werde ich mich
in der nächsten Zeit gewöhnen, Wolfgang macht die heftige Würzung nichts aus.
Und für das reichliche Essen haben wir 150 Rupees, ca. 3,00 Euro, bezahlt. Als
wir zur Abfahrt bereit sind und ich schon auf dem Motorrad sitze, will die
ganze Küchenmannschaft noch mit mir fotografiert werden.
Eine Tafel weist uns den Weg nach Gokarna. Von
der Küstenstraße zweigt ein schmaler Weg nach rechts ab. Auf dem Weg zum Ort
der „Erleuchtung“ überholen wir Pilger mit nichts als einem Hüfttuch um die
dürren Lenden. Die Pilger sind durchwegs asketische Typen, denn pilgern ist
schließlich anstrengend und erfordert eine gewisses Maß an Selbstdisziplin. Was
nun nicht gerade meine Stärke ist, aber ich pilgere ja auch nicht. Aber nicht
nur Pilgern begegnen wir, Backpacker schreiten strammen Schrittes auf den Ort
zu, junge Leute mit Rastalocken in bunten Klamotten tuckern mit Mofas durch die
Gegend.
Gokarna ist
einer der bedeutsamern Pilgerorte, so steht es jedenfalls im Reiseführer. Da
eine Wallfahrt nach Gokarna nach hinduistischem Glauben den Pilger von 100
Sünden befreit, sind die Tempel meistens rappelvoll. Viele der heiligen Stätten
sind Shiva gewidmet, doch für eine Teufelsautreibung wird ein Tempel der
furchterregenden Göttin Kali aufgesucht. Die Pilger, die hier ankommen, nehmen
zuerst ein Bad im Meer und gehen dann zu den Tempeln.
Ich denke, Indien muss ein sehr sündiges
Land sein, denn es wimmelte nur so von Büßern. Manche haben schwarze Tücher um
die Hüften, andere orange oder weiße. Die Pilger in den schwarzen Tüchern treffen
motorisiert in beachtlichen, mit Blumengirlanden behängten Autos ein. Wir
dachten, Pilger reisen gemächlich, zu Fuß und ohne viel dabei, die einfachen
Leute tun es auch, nur nicht die mit den schwarzen Tüchern. Der moderne und gut
betuchte Pilger fährt oder besser gesagt rast mit bunt geschmückten Auto von
einer Pilgerstätte zu nächsten natürlich nicht ohne dabei die ganze Zeit
lautstark zu hupen.
So
quälen wir uns durch die engen, überfüllten Straßen durch den Ort, um nach
einer Bleibe zu suchen. Überall alte Häuser mit gammeliger Holzfront, kleine
Läden und massenhaft Souvenirstände. Es hätte auch das Jahr 1887 oder so und
nicht 2007 sein können. Nur eine Bleibe für die Nacht haben wir noch nicht
gesichtet. Dafür will man uns an jedem Stand was anderes andrehen. Echte
Tigerkrallen mit Fellfetzen, natürlich auch echt, Plastik und Blechschmuck,
alles echt. Aus echtem Elfenbein, hand made, ist der kleine Elefant, den die
Verkäuferin uns aufdrängen will. Wie makaber! Aus einem Elefantenzahn wird ein
kleiner Elefant. T-Shirts und sonstigen Kram, der nur unser Gepäck belasten würde.
Das bunte Pulver und die Blumengirlanden dienen religiösen Zwecken.
Von einem rot gelockten Engländer bekommen
wir eine nicht besonders erfreuliche Auskunft. Im Moment ist es ziemlich voll,
es findet irgendein religiöses Fest statt, aber in einem kleinen Hotel am
Strand oder im teueren Om Beach Resort könnten wir vielleicht noch was
bekommen.
Die nächste enge Kurve führt um ein
ramponiertes Haus, mitten auf der Straße steht ein massiger Tempelwagen. Bunt
bemalt, mit den üblichen Flittergirlanden und Gebetsfähnchen geschmückt.
Kahlgeschorene Mönche und Pilger mit langem Haar versuchen das Monstrum auf
Rädern zur Seite zu bewegen, die ganze Prozedur wird von einem konformen
Singsang begleitet. Ein schönes Bild,ich will Fotos machen. Kaum sind wir abgestiegen, kommen die Souvenirhändler
schon wieder überfallartig herbei gestürzt.
Die preiswerte Unterkunft am Strandentpuppt sich als runter gekommene Kaschemme.
Ein Putzlappen ist den so genannten Zimmern mit einfachen Pritschen bestimmt
fremd, im Gemeinschaftsbad scheint sich die ganze Dorfgemeinschaft oder
jedenfalls die der umliegenden Häuser zu reinigen. Wir verzichten unter diesen
Umständen auf eine Nacht in der Pilgergemeinschaft.
Der Strand selbst wäre ja sehr schön, nur
strömen immer mehr Menschen heran. Leider kacken sie auch gerne an den Strand,
was die Schönheit desselbigen gewaltig
beeinträchtigt. Die indische Moral begreife ich sowieso nicht. Es darf in der Öffentlichkeit
nicht geküsst werden, auch keine eindeutigen Liebesbeweise sind gestattet, aber
schamlos seine Notdurft unter jedermanns Augen zu verrichten, ist erlaubt.
Inzwischen sind der Strand und der Platz
vor dem kleinen Tempel derart bevölkert wie das Oktoberfest bei der Eröffnung.
Fliegende Händler mit Obst, Getränken und religiösen Reliquien schwirren durch
die Menge. Aus einem Lautsprecher dröhnt blecherne Tempelmusik. Ständig wird
uns Marihuana angeboten, der Stoff findet hier guten Absatz.
Auf den Tempelstufen liegen und sitzen
Inder und Westler einträchtig in Trance beieinander.Ein Pilger hat sich scheint es ein bisschen
zuviel Stoff einverleibt. Er dreht sich wie ein Kreisel immer schneller, stößt
unartikulierte Laute aus und bricht mit verzerrtem Gesicht zusammen. Sein
magerer Körper windet sich, zuckt wie unter Stromschlägen und aus dem Mund quillt
Schaum wie ein Sahnewölkchen.
Uns reichts, wir haben nun auch keine Lust
mehr auf das teuere Om Beach Resort. Es beginnt
in der Dämmerung, die in Äquatornähe nicht lange anhält, die Odyssee nach einem geeigneten
Schlafplatz. Zurück auf der N17geht es
mit der höchst möglichen Geschwindigkeit, und die pendelt sich so bei 70 KM
ein, zur nächsten Ortschaft, mit der Hoffnung auf eine Unterkunft. Eigentlich habe ich keine Lust, es in der
Dunkelheit es mit diversen Kühen oder Hunden aufzunehmen.
In Kumta an der NH17 werden wir
fündig.Das respektable Hotel Pandurang
International bietet für 650 Rupees den bestmöglichsten Komfort. Der Hausdiener
schleppt unser Gepäck ins Zimmer, wir machen uns frisch. Wolfgang freut sich
nach dem langen Tag auf ein kühles Bier. Na, daraus wird an diesem Abend
nichts. Wir haben uns in einem glaubensfesten, indischen Hotel eingemietet. Es
gibt keinen Alkohol! Keinerlei Alkohol! Nichtmal ein klitzekleines Bierchen.
Wir müssen mit Chai und Wasser vorlieb nehmen.
Zwei magere Jungs höchstens 9 bis 10 Jahre alt,
stehen am Durchgang zu den Küchengefilden, beobachten uns mit großen Augen. Der
Kellner scheucht die Beiden mit einer barschen Handbewegung in die Spülküche
zurück, da dürfen sie die großen Töpfe schrubben. Anschließend bekommen wir
seine ganze Aufmerksamkeit zu spüren. Speisekarte, Becher und Blechkrug mit
Wasser reicht er, dann entschwindet er wieder im Dunkel der hinteren Räume. Ich
bin mir sicher, von seiner unsichtbaren Position aus beobachtet er uns
weiterhin.
Außer
uns befindet sich noch ein indisches Ehepaar mit Begleiter im großen Saal. Die
korpulente Dame ist in einen eleganten Sari gehüllt, der weniger korpulente
Mann trägt ein traditionelles Hüfttuch, das Dhoti und ein weißes Hemd, die
Kurta, der Begleiter ähnelt durch den beeindruckenden Turban einem Sikh. An dem
langen Tisch in der Mitte des Raumes bekommen fünf Männer, auch alle mit Dhoti
und Kurta ihre Bestellung gebracht. Durch eine gläserne Tür an der rückwärtigen
Wand verschwinden immer wiedermalFrauen
im Sari mit Kindern, manchen schreitet auch ein Familienoberhaupt voran. Der
Raum dahinter verbirgt das Familienrestaurant. Frauen und Kinder haben im
allgemeinen Gastraum nichts zu suchen. Außer sie arbeiten und machen sich
nützlich. Welch seltsame Auswüchse für westlich denkende Menschen.
Chapatis und Pappadam kann ich immer noch
nicht auseinander halten. Wir haben allerhand unbekanntes Zeug auf der Karte
gelesen und einfach bestellt. Was serviert wird, sieht sehr einladend aus.
Fisch und Reis, Pakauras, Bällchen aus Kichererbsenmehl mit Spinatund eine rote undefinierbare Pampe krönen das
exquisite Dinner.
Der Fernsehapparat auf dem Zimmer
funktioniert, eines der wichtigsten Requisiten im indischen Alltag, wenn man es
sich leisten kann. Vor dem Einschlafen lassen wir uns noch von einem
Bollywoodfilm mit Sharuk Khan, dem Filmliebling Indiens,berieseln. Indische Filme sind laut, bunt und
dramatisch. Die obligatorischen Tanzszenen scheinen nicht in die übrige
Handlung integriert.
Beim Frühstück
wartet die nächste Überraschung auf uns. Im Gang vor der Spülküche stehen die
Jungs vom vorherigen Abend, um 7 Uhr morgens, schon wieder parat. Masala Dosa,
ein richtig scharfes indisches Frühstück bringt unsere müden Geister auf
Trapp.Mir lässtdie Präsenz der Kinder keine Ruhe.Ich frage den Kellner nach dem Alter der
Jungs. Schlagfertig, werde ich abgespeist, die Jungen sind schon 15 Jahre alt.
Das reguläre Alter um zu arbeiten. Wolfgang gibt den Kindern in einem
unbeobachtenden Moment je 50 Rupees, in der Hoffnung, der Leuteschindende
Kellner nimmt es ihnen nicht ab.
Unser heutiges
Tagesziel ist Udipi. Die nächste ultimative Pilgerstadt. Nicht dass wir
unbedingt pilgern wollten, aber die religiösen Stätten sind äußerst zahlreich
und fast nicht zu umfahren. Die Küstenstrasse NH17 begibt sich ganz nah ans
Meer, Kilometer weit leere Strände, nur die Fischerboote im weißen Sand zeugen
von Aktivitäten im Wasser. In der nächsten Bucht leuchten die bunten Saris der
Inderinnen in der Mittagssonne. Die Frauen stehen mit hoch geraffter Montur bis
zu den Knien im Wasser, die meisten Inder können nicht schwimmen, was ihren
Spaß keinesfalls mindert.
Ein Stückchen weiter haben die Dalits, die
so genannten Plasticpeoples ihre Behausungen errichtet. In richtigen Zeltstädten
leben die Unberührbaren, die Kastenlosen vor den Ortschaften.Sie wohnen zwischen Bauplanen Lumpen und Müll.
Kaum haben die Kinder uns entdeckt, kommen sie mit ausgestreckten dünnen
Ärmchen herbei gelaufen. Bakschi, bakschi! Mir bricht es fast das Herz, ich
krame meine ganzen Münzen aus der Hosentasche und werfe sie den Kindern zu. Der
Pulk stürzt sich auf die paar Kröten, als ob das Leben davon abhängt. Die leer
Ausgegangenenstürmen schreiend hinter
uns her. Der Schmerz nagt noch nach Tagen in meiner Seele.
Die exotische
Gegend ist geprägt von riesigen Tortürmen, den Wahrzeichen der unzähligen
Hindutempel. Sie ragen aus Palmenhainen empor, weisen uns schon von weitem den
Weg zu den historischen Tempelstätten und laden ein, zu einer Reise in die
Vergangenheit, in die geheimnisvolle Welt religiöser Bräuche und Traditionen.
Viele religiöse Schreine säumen unseren Weg. Der schwere Duft von
Räucherstäbchen und anderen Insencen schwängert die Luft, eine alte Frau kauert
vor einem Schrein wiegt ihren Oberkörper zu ihrem monotonen Gesang. Umgeben von
einer Aura des geheimnisvollen erstrahlt ihr faltiges Gesicht.
Auch in Udipi findet
ein religiöses Fest statt. Hier ist der Ursprungsort und religiöses Zentrum der
Dvaita-Sekte. Diese Vishnu-Anhänger errichteten einen bemerkenswerten
Krishna-Tempel. Der kleine Ort ist voll von Maths, den Klostergemeinschaften,
in denen die Brahmanen leben. Die Udipi-Brahmanen gelten als besonders reinlich
bei der Zubereitung der strikt vegetarischen Speisen, von einem
Udipi-Brahmanen-Koch darf deshalb selbst der um die Einhaltung der rituellen
Reinheitsvorschriften besorgtesten Hindu bedenkenlos Nahrung entgegennehmen.
Die Reinlichkeit der Speisen hat nichts mit der Reinlichkeit der Küche zu tun.
Am Highway sind
alle Hotels belegt, man empfiehlt uns, es im Ortsteil Malpe Beach zu versuchen.
Beach klingt schon mal gut, also rechts abbiegen und immer Richtung Meer. Der
Sandweg schlängelt sich durch den recht wohlhabend erscheinenden Ort. Aus einer
Schule drängen lachende Kinder in Uniform, vor dem Krämerladen halten Frauen
einen Plausch. Der Weg endet unvermittelt am Strand und wir stehen vor dem
luxuriösen Paradise Island Resort. Vor dem umzäunten Gelände ist ein
Wachhabender in adretter Uniform postiert. In unseren staubigen Klamotten auf
den noch staubigeren Enfields scheinen wir keinen besonderen Eindruck zu erwecken. Der
normaleInder kleidet sich korrekt,
gerne nach westlicher Mode, von Westlern erwartet man dies umso mehr. Zum
ersten Mal komm ich mir richtig blöd vor, aber später werde ich mir noch blöder
vorkommen.
Als erstes sticht mir der cremefarbige
Anzug ins Auge. Weißes Hemd, rosefarbenen Krawatte, der Anzugträger mustert uns
abschätzend von oben bis unten und der Blick wandert den gleichen Weg zurück.
Als unser Gegenüber mit der Musterung fertig ist, werden wir herablassend nach
unseren Wünschen befragt. Ein Zimmer, was sollten wir sonst wollen. 1800 Rupees
pro Nacht schleudert er uns sehr unterkühlt entgegen. Er belauert uns ungeniert
und wartet darauf, dass wir vor Schreck ohnmächtig zusammen brechen. Wir müssen
schon sehr verkommen ausschauen.
Lachhaft, 36,00€, wir buchen für 3 Tage.
Und 2000 Rupees Kaution, wahrscheinlich hat er Angst, wir hauen mit dem
gesamten Mobiliar auf dem Motorrad ab. Als Wolfgang die Kreditkarte zückt,
gleitet ein breites Grinsen über sein glatt rasiertes Gesicht und die
untertänige Höflichkeit ist fast peinlich. Nachdem die üblichen Formalitäten
erledigt sind, geleitet uns die Hausdame zu unserem Zimmer. Lady und Sir, please follow me. Was eine
Kreditkarte, eigentlich nur ein Stück Plastik, bewirken kann ist schon fast dekadent.
Mit kleinen Schritten tippelt sie im eleganten Sari voraus, wir trampeln mit
unseren staubigen Turnschuhen auf dem edlen Marmorboden hinter ihr her. Jetzt komm ich mir wirklich ganz blöde vor, in
den edlen Hallen mit unseren abgetakelten Klamotten. Der Hausdiener ist
gefordert. Er schleppt unser Gepäck auf das luxuriöse Zimmer mit Blick auf den
Pool im Innenhof.
Ein ausgedientes
Ölfass ist als Grill umfunktioniert. Die
Fische duften Appetit anregend, mein Magen knurrt erbärmlich, da muss man den
hygienischen Aspekt außer Acht lassen. Auf einem Pappteller bekommen wir jede
Menge gebratenen Fisch und Garnelen für 1,00€. Am Stand nebenan wird Chai
ausgeschenkt, bunte Cremeschnitten und süße Reiskugeln verkauft. Die
Verkäuferin nimmt die gewünschte Kugel mit der rechten Hand, die ist ja die
Reine, und wickelt sie in ein Zeitungspapier. Ein bisschen Druckerschwärze auf
dem pappigen Reis stört nicht sonderlich. Das Ganze entbehrt nicht einer
gewissen Ironie. Wir residieren im Luxushotelnebenan und essen mit Genuss Ölfass gegrillten Fisch.
Ein runzliger Alter lässt eine Art
Leierkasten blechern ertönen, drüben schlagen zwei junge Männer lautstark die Mridangam und
Ghatam, ein oben offener bauchiger Tonkrug mit schmalem Hals aus Südindien. Die
Mridangam ist ein südindische Instrument und die wichtigste Trommel der
karnatischen Musik. Dazwischen plärrt ein Radio.
Der sonst stille Strand ist von Menschen
übervölkert. Kinder albern mit Geschrei und Lachen zwischen den flanierenden
Erwachsenen umher, junge Männer führen ihre chinesischen und japanischen
Moppeds mit röhrenden Motoren vor, um den Mädchen zu imponieren. Und das ganze
Spektakel wird jedes Wochenende am Abend wegen des bravourösen Sonnenuntergangs
veranstaltet.